Laß uns die Vereinigung suchen

Höre, oh, innig Geliebter!
Ich bin die Wirklichkeit der Welt, die Mitte des Kreises.
Ich bin die Teile und das Ganze.
Ich bin der Wille; mein Platz ist zwischen Himmel und Erde.
Ich habe Wahrnehmung erschaffen in dir, nur damit du Gegenstand meiner Wahrnehmung seist.

Wenn du dann mich wahrnimmst, so nimmst du dich wahr.
Aber du kannst mich nicht durch dich selbst wahrnehmen.
Mit meinen Augen siehst du mich und siehst du dich.
Mit deinen Augen kannst du mich nicht sehen.

Innig Geliebter!
Ich habe sooft nach dir gerufen, und du hast mich nicht gehört.
Ich habe mich dir sooft gezeigt, und du hast mich nicht gesehen.
Ich war sooft feiner Duft, und du hast mich nicht gerochen,
schmackhafte Speise, und du hast mich nicht geschmeckt.
Warum kannst du mich nicht erreichen durch das Ding, das du berührst,
oder mich eratmen in den süßen Düften?
Warum siehst du mich nicht?
Warum hörst du mich nicht?
Warum? Warum? Warum?
Für dich übertrifft mein Entzücken jedes andere Entzücken,
und die Freude, die ich dir bereite, übersteigt jede andere Freude.
Für dich bin ich all den anderen guten Dingen vorzuziehen.
Ich bin Schönheit, ich bin Gnade.

Liebe mich, liebe mich allein.
Liebe dich in mir, in mir allein.
Klammere dich an mich,
niemand ist innerlicher als ich.
Andere lieben dich um ihretwillen,
ich liebe dich um deinetwillen,
und du, du fliehst mich.

Innig Geliebter!
Du kannst mir nie gerecht werden, denn wenn du dich mir näherst,
so nur, weil ich mich dir genähert habe.
Ich bin dir näher als du selbst, als deine Seele, als dein Atem.
Wer unter all den Geschöpfen wird dich behandeln, wie ich es tue?
Ich bin deinetwegen auf dich eifersüchtig. Ich will nicht, daß du anderen gehörst, nicht einmal dir selbst.
Sei mein, sei für mich, wie du in mir bist, obwohl du dir dessen nicht einmal gewahr bist.

Innig Geliebter!
Laß uns die Vereinigung suchen.
Und wenn wir die Straße finden, die zur Trennung führt, werden wir die Trennung aufheben.
Laß uns gehen Hand in Hand. Laß uns eintreten in die Gegenwart der Wahrheit.
Laß sie unser Richter sein und ihr Siegel auf unsere Einheit pressen in Ewigkeit.




Hymne I

Du dachtest, im Denken versunken, du seiest du,
Und bist du nicht du, bist nie du gewesen.
Denn wärest du du, so wärst du ein Herr
Und ein Zweiter von Zweien.
Laß weg, was du denkst.
Es gibt keinen Unterschied zwischen Seinem Sein
und dem Deinen:
Er ist von dir nicht gesondert, noch Du von Ihm.
Denn sagst du in Unwissenheit, du seist ein Anderer,
So bist du verstockt, und hört dein Unwissen auf, so
bist du gelehrig.
Deine Vereinigung ist Flucht und deine Flucht
Vereinigung,
Und dein Fern ist nah. Darin bist du gesegnet.
Laß den Verstand und verstehe durch Intuition,
Daß dir das nicht entgehe, dem deine Wachsamkeit
gilt.
Und schaffe Gott keinen Gefährten, woraus auch
immer,
Auf daß es dir wohl ergehe: Im Polytheismus war's
dir bequem.

 

Hymne II

 

Ich kenne den Herrn durch den Herrn,
ohne Zweifel noch Schwanken.

Wahrlich ist mein Wesen Sein Wesen
ohne Mangel noch Makel.

Kein Werden besteht zwischen diesen zweien,
und meine Seele ist es,
welche dies Geheimnis offenbart.

Und seit ich mich ohne Vermischung
oder Vermengung kenne,

Erreichte ich die Vereinigung mit meinem Geliebten
ohne nah und fern.

Ich erhielt Gaben vom Herrn der Fülle
ohne Vorwurf oder Klage.

Ich habe meine Seele nicht an Ihn verloren
noch verbleibt sie
dem Herrn der Auflösung.

(aus: Wer sich selbst kennt..., Verlag: Chalice)

 

Geheimnis


Wenn das Geheimnis - das Gewahrsein, dass der Mystiker eins ist mit dem Göttlichen - sich dir offenbart, wirst du verstehen, dass du nichts anderes bist als Gott und (du) seit je bestehst und immer bestehen wirst....zeitlos. Dann wirst du sehen, dass all deine Handlungen Seine Handlungen, all deine Eigenschaften Seine Eigenschaften sind, und dass deine Essenz Seine Essenz ist, obwohl du dadurch nicht zu Ihm wirst und Er nicht zu dir, weder im höchsten, noch im geringsten Grad. "Alles vergeht, außer Seinem Angesicht", das heißt, es gibt nichts, ausser Seinem Angesicht, denn "wohin immer du dich wendest, da ist Gottes Angesicht".

(aus: Die Karawane der Derwische, Fischer Verlag)

 

Wenn du dich kennst....

 

Wenn du dich demnach auf diese Weise kennst, ohne Gott (Sein Name sei gepriesen) ein Ähnliches oder Gleiches oder einen Gefährten beizufügen, dann weißt du, wie es wirklich ist. Und deshalb sprach er (Friede sei mit Ihm): "Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn." Er hat nicht gesagt: "Wer sich dazu bringt, zu entwerden, kennt seinen Herrn", denn er (Friede sei mit ihm) verstand und sah, daß es nichts gibt außer Ihm. Danach wies er darauf hin, daß die Kenntnis der Seele die Kenntnis Gottes (Sein Name sei gepriesen) ist. Das heißt: "Wisse, daß dein Dasein nicht dein Dasein noch ein anderes als dein Dasein ist. Denn du bist nicht seiend noch nicht - seiend, noch anders als seiend, noch anders als nicht-seiend. Dein Dasein an sich und deine Nicht-Existenz sind Sein Dasein, und doch ohne daß es Dasein an sich oder Nicht-Dasein gäbe, weil dein Dasein und deine Nicht-Existenz in Wirklichkeit Sein Dasein sind." Wenn du also siehst, daß die Dinge (ohne zugleich zusammen mit Gott ein anderes Ding zu sehen) Er sind, kennst du dich selbst; und wahrlich, dich selbst nach dieser Art zu kennen, heißt Gott zu kennen, ohne Schwanken und ohne Zweifel und ohne das jüngst Entstandene mit dem Ursprünglichen in irgendeiner Weise zu vermischen.

Wenn dann einer fragt: Wie liegt der Weg zur Vereinigung, wenn du versicherst, daß da kein anderes als Er ist und ein Ding nicht mit sich selbst vereint werden kann? —

Dann lautet die Antwort: Zweifelsohne gibt es in Wirklichkeit weder Vereinigung noch Teilung, noch fern, noch nah. Denn Vereinigung ist nicht möglich außer zwischen zweien, und wenn es nur eines gibt, kann es weder Vereinigung noch Teilung geben. Denn Vereinigung erfordert zwei, entweder ähnliche oder unähnliche. Wenn sie aber ähnlich sind, so sind sie Gleiche, und wenn sie unähnlich sind, so sind sie Gegensätze, und Er (Sein Name sei gepriesen) verschmäht es sowohl, einen Gleichen als auch einen Gegensatz zu haben, so daß Vereinigung etwas anderes ist als Vereinigung und Nähe etwas anderes als Nähe und Ferne etwas anderes als Ferne. So gibt es Vereinigung ohne Vereinigung und Nähe ohne Nähe und Ferne ohne Ferne.

Wenn dann irgendeiner sagt: Erkläre uns diese 'Vereinigung ohne Vereinigung', und was ist die Bedeutung dieser 'Nähe ohne Nähe' und dieser 'Ferne ohne Ferne'? —

Dann lautet die Antwort: Ich meine damit, daß du in den Stufen deines Naheziehens und Fernbleibens nicht ein Ding außer Gott (Sein Name sei gepriesen) warst, sondern daß du nicht die 'Kenntnis der Seele' hattest und nicht verstandest, daß du Er bist ohne du. Wenn du dann Gott (Sein Name sei gepriesen) vereinigt bist - das heißt, wenn du dich selbst kennst (obwohl die Kenntnis selbst nicht existiert) - verstehst du, daß du Er bist. Und du warst dir vordem nicht bewußt, daß du Er warst oder Er etwas anderes als Er. Dann, wenn dieses Wissen sich dir auftut verstehst du. da du Gott durch Gott kennst, nicht durch dich selbst.

(aus: Muhyinddin Ibn 'Arabi: Wer sich selbst kennt..., Chalice-Verlag).

 

Fern bin ich

 

Fern bin ich, und Verlangen
zerrüttet meine Seele.
Doch auch das Wiedersehen heilt mich nicht,
denn hier und fern vergehe ich vor Sehnsucht.

Das Wiedersehen weckt
das Ungeahnte, nie Gedachte.
So ist die Heilung neue Krankheit,
die aus Ekstase frisch erwächst.

(aus: Ibn 'Arabî, Die vollkommene Harmonie, O.W. Barth Verlag)

 

Sieh nicht...
 

Sieh nicht auf den Wirklichen, Ihn der Schöpfung entkleidend.
Sieh nicht auf die Schöpfung, sie in Anderes-als-den-Wirklichen kleidend.
Bringe Ihn in Verbindung und bringe Ihn nicht in Verbindung,
und du wirst am Ziel der Aufrichtigkeit sein.
Verharre in Sammlung, so du es wünschst,
verharre in der Welt der Formen, so du es wünschst.
Du wirst alles gewinnen, selbst wenn alles sich aufgemacht hat, den Tag fort zu tragen.
Du wirst nicht ausgelöscht und hast keinen Bestand.
Und die Formen werden nicht ausgelöscht und haben keinen Bestand.
Erleuchtung erfährst du nicht im Hinblick auf andere und wirst sie niemandem geben.

( aus: 'Abd a-Qadir as-Sufi: Was ist Sufismus, O.W. Barth-Verlag)

 

Das Wasser in der Dachtraufe
 

Damals gehörte zu unseren Lehrmeistern, von denen wir Nutzen hatten auf dem Weg zum Jenseits innerhalb dieser Gemeinschaften, eine Dachtraufe, die ich an einer Mauer in der Innenstadt von Fes gesehen habe. Das Wasser auf dem Dach floß aus ihr herab wie bei der Dachtraufe der Ka'ba. Ich erkannte ihren Gottesdienst und spornte meine Seele an, auf daß ich vielleicht mit dem Wasser in ihr dahinfließen könnte.
Zu ihnen gehört auch mein Schatten, der sich wegdehnt von meiner Gestalt. Ich übernahm von ihm zwei Arten des Gottesdienstes, die er selbst auf sich genommen hatte und desgleichen mehr.
Was die Tiere betrifft, so hatte ich auch unter ihnen Lehrmeister. Zu meinen Lehrmeistern, auf die ich mich gestützt habe, gehört das Pferd, denn seine Art des Gottesdienstes ist erstaunlich, aber auch der Falke, die Katze, der Hund, der Gepard, die Biene und andere mehr. Doch ich habe es nie vermocht, die Charakteristika ihrer Art des Gottesdienstes in dem Maße anzunehmen, wie sie sie besitzen. Mein Äußerstes war, daß ich nur von Zeit zu Zeit dazu imstande war, sie aber rügten und tadelten mich trotz ihres festen Glaubens an meine Herrschaft über sie. Von ihnen erfahre ich zuweilen Heftigkeit, weil sie die Mangelhaftigkeit meines Zustandes bei ihrer Art des Gottesdienstes wahrnehmen. Manchmal wird eines von ihnen zornig auf mich, so daß seine wachsame Sorge in bezug auf die Religion Gottes, des Erhabenen, wegen meines Mangels in Hinsicht auf sie es abschirmt und es meiner Herrschaft entschwindet aufgrund meiner Sünden und meines schlechten Handelns gegenüber Gott. So verläßt sie der Gehorsam mir gegenüber, aber ich spreche sie darin frei von Schuld und unterwerfe mich ihrer aufrichtigen Ergebenheit. Denn Abú Bakr - möge Gott mit ihm zufrieden sein - hat gesagt, als er mit dem Kalifenamt betraut wurde: Seid mir gehorsam, solange ich Gott und Seinem Propheten gehorsam bin. Wenn ich mich aber vergehe, dann obliegt euch kein Gehorsam mir gegenüber. Er sprach die Wahrheit.
Wenn dir also eines von den Tieren, ein Hund, ein Reittier, eine Schlange oder dergleichen aus dem Reich der Tiere einen Schaden zufügt, wenn dir ein Stück Holz von einem Baum oder ein Blatt aus dem Reich der Pflanzen einen Schaden zufügt, oder wenn dir ein Stein einen Schaden zufügt dadurch, daß du über ihn stolperst oder er auf dich herabfällt von einer Mauer, oder ihn ein Kind oder irgend jemand auf etwas wirft, oder wenn einer mit einer Sache beschäftigt ist und der Stein es unterläßt dorthin zu gehen, wofür er geworfen wurde, und auf dich hin abgelenkt wird, dann zürne nicht, o mein Freund, sondern sei billig. Untersuche dann den Zustand deiner selbst. Stelle dem Selbst gegenüber die Waage der Gerechtigkeit auf gemäß dem, was Gott an gottesfürchtiger Handlung und Gegenwärtigsein mit Ihm als Pflicht auferlegt. Dann ist es notwendigerweise so, daß du einen Mangel oder eine Nachläßigkeit in dir findest in Bezug auf diejenige Art des Gottesdienstes, die auf dich anwendbar ist von der Art des Gottesdienstes desjenigen, der dir Schaden zugefügt hat, sei es ein Tier, eine Pflanze oder ein Stein.
Bitte also Gott um Verzeihung, kehre reumütig um, läutere dich und sei dazu entschlossen, nicht zum Vorigen zurückzukehren. Dann nimmt Er jenen Schmerz sofort von dir weg. Wenn du dann stärker wirst, spricht zu dir jener, der dir Schaden zugefügt hat, und das wird ein Wunder genannt. Das Wunder liegt aber in Wirklichkeit nur darin, daß du dieser Angelegenheit gewahr wirst, daß du bereust und dich flüchtest zu Heimstätten (mawátin) der Übereinstimmung (muwáfaga).

(Ibn ´Arabî: Urwolke und Sein, Verlag: C.H.Beck)

 

(aus: Ibn 'Arabî, Die vollkommene Harmonie, O.W. Barth Verlag)

 

AUS DEM «DOLMETSCH DER SEHNSÜCHTE»
 

»und bringe zu ihnen einen Gruß von einem Bekümmerten in dessen Herzen Kümmernisse sind ob der Trennung der Leute.»

Und bringe zu ihnen einen Gruß bezieht sich auf Seine Worte:

UND WENN DIE UNWISSENDEN SIE ANSPRECHEN, SAGEN SIE: «FRIEDEN!» (25,63) - als Verbalnomen, das bedeutet, «wir stellen uns euch nicht entgegen» - von einem Bekümmerten, von einem, der traurig ist, in dessen Herzen Kümmernisse sind, weil die Leute sich entfernt haben. Er befindet sich in der Station der wandelnden Erscheinungen (talwin), also umschreibt er dies mit Hilfe von qalb («Herz», «Hin- und Herwenden») wegen seines «Sich-Hin-und-Herwendens» (taqal-lub) in diesen Zuständen und Trauergefühlen, die wegen der Trennung von ihnen in seinem Herzen sind. - Der Wandel ist nur insofern so, als er (der Dichter) unter denjenigen, denen er nachfolgt in seinem jeweiligen Absteigeort, nicht das Gesicht des Allwahren sieht, wobei er eine Trennung überhaupt nicht wahrnehmen würde.

Jedoch ist es vor dieser Station nicht wirksam, da die verschiedenen Wirklichkeiten das ablehnen und dessen Vorhandensein zurückweisen. Der Prophet -Friede sei mit ihm! - hat gesagt: Ich habe manche Zeiten, in der mich nur mein Herr umfaßt. Er vollzieht also eine Trennung zwischen den verschiedenen Zuständen, wenn auch der Allwahre in allen Zuständen bekundet werden kann. Dabei ist es jedoch so, daß, da der Zustand der Bekundung der Essenz (suhüd ad-dät) der strahlendste und süßeste Teil der Bekundung ist, das Gesicht des Allwahren bei ihm nicht in den anderen Arten der Bekundung entsteht. So wie man sagt: Wenn du Liebe empfändest für die göttlichen Verbindungen (ta'al-luqät), dann wäre das Vergnügen der Bekundung der göttlichen Verbindung auf der Ebene des Wissens höher als die Bekundung der göttlichen Verbindung auf der Ebene des Vermögens.
Das Wissen ist nämlich umfassender und die göttliche Verbindung des Vermögens beschränkter, denn ihr Wirkungsbereich ist nichts anderes als die möglichen Dinge.

(aus Ibn ‘Arabî, Urwolke und Welt, C.H. Beck-Verlag)

 

 

DIE GÖTTLICHKEIT DER FRAU
 

"Was nun den tieferen Sinn des Wortes 'Wohlgeruch' und seine Stellung nach den Frauen betrifft, so ist dies darin begründet, dass die Frauen die Düfte des Erschaffens an sich tragen "... (Die Frau) ist eine nach Allahs Ebenbild erfolgte Schöpfung... Die Anschauung Allahs in der Frau ist aber vollkommener und vollständiger (als die im Manne). Aus diesem Grunde liebte der Gesandte Allahs die Frauen, weil nämlich seine Gottesanschauung in ihnen am vollständigsten war. Denn niemals kann man Allah losgelöst von jeder sinnlichen Materie erschauen... Der (göttliche) Geist ist für den unerkennbar, der seiner Frau oder einem anderen Weibe nur insofern beiwohnt, als es sich um die bloße Sinnenlust handelt, ohne zu wissen, an was für einem Wesen (der vollkommensten irdischen Manifestation Allahs) er sich ergötzt. Wüsste er, an wem er sich ergötzt, er wäre denn ein vollkommener Mensch... Indem er in dem Wesen (Frau), in das er sich versenkt hat, Allah erschaue, denn tatsächlich verhält es sich ja gar nicht anders als eben so.