Die 99 Namen Allahs

Der Liebreiche (Wadûdu)

Andere zugelassene Bedeutungen: Der Zärtliche, Der Vielgeliebte.

IM Koran: LXXXV,14.



Dieser Name bezeichnet ,,denjenigen, der seine Geschöpfe liebt" und der darum die Gesetze so angelegt hat, daß diese möglichst viel Gutes und am Ende der Tage das Gute an sich erlangen mögen. Er ist auch eine Ehrenbezeichnung für einen vollkommen Gläubigen und für die Sufis ein Hinweis auf die Art der Belohnung, die Gott einem solchen Menschen zukommen läßt ,, Die Rückkehr des Geschaffenen (Emanierten) zu ihm." Der Name wird mit al-Ghafûru (der Nachsichtige, Nr. 35) verglichen.

Unzweifelhaft muß ,,wahre Liebe" auf Erden folgende Merkmale aufweisen: Sie muß bedingungslos sein (es ist keine Liebe, wenn man sagt: "Ich liebe dich, weil du so gut bist", "ich liebe dich, wenn du meine Wünsche erfüllst"); sie muß dauerhaft sein (man kann nicht nur für den Augenblick oder zu bestimmten Anlässen lieben); sie muß eindimensional sein (darum sagt sie: "Ich liebe dich" fragt aber nicht: "Liebst du mich?"); sie darf nicht übertrieben besitzergreifend sein.

Die Liebe Gottes ist dagegen natürlich eine ganz besondere: Sie verfolgt keinen Selbstzweck, sie ist nicht besitzergreifend, stellt keine Bedingungen, wie die menschliche Liebe. Sie ist eine Liebe, die sich ergießt und gleichzeitig dem Geliebten die Liebe zu ihm, dem Liebreichen, schenkt. Sie ist völlig frei von Schwächen und Eifersucht. Die göttliche Ausgießung (faid) wird von jenen Menschen wahrgenommen, die den Glauben haben. Auch ein Hinduvers verdeutlicht das Wesen dieses Namens: "Von der Liebe geht jede Schöpfung aus, mit der Liebe wird sie erhalten, zur Liebe strebt sie und zur Liebe kehrt sie zurück." Das Verständnis Gottes als die Liebe ist nicht ausschließlich den Offenbarungs-religionen vorbehalten.

Dieser Begriff wird auch in einem Hadith ausgedrückt: "Der Gesandte Gottes sagte: Niemand von euch sage: 'Mein Gott, verzeih mir, wenn du es willst. Mein Gott, sei mir barmherzig, wenn du es willst.' Er gebe vielmehr seiner Bitte entschlossen Nachdruck, denn nichts, was er gewährt, bereitet ihm Mühe."

Von der göttlichen, absoluten Liebe sagte der große Mystiker al-Hallâdsch (857 - 922): ,,Ihr Menschen! Sobald sich die Wahrheit eines Herzens bemächtigt, / macht sie es von allem leer, was nicht sie ist. / Sobald Gott einen Menschen erwählt, / tötet er in ihm alles, was nicht er ist. / Sobald er einen seiner Gläubigen liebt, / regt er die anderen an, ihn zu hassen, / damit sein Knecht nur ihm nahe sei, / um ganz in ihm zu sein."

Diese göttliche Liebe, die Ekstase, in die man durch sie gerät, die Vollkommenheit eines von der göttlichen Liebe getroffenen Menschen wird in vielen mystischen Sinngedichten der Sufis, von al- Hallâdsch bis Rumi, von 'Omar Chayyam bis in unsere Tage hinein bezeugt. Stellvertretend für sie alle möge ein Vierzeiler von Rumi wiedergegeben werden: ,,Jede Faser meines Ichs trägt die Spur des Vielgeliebten. / Mit jedem Teilchen meines Leibes spricht der Vielgeliebte. / Ich bin eine Harfe, die an seiner Brust lehnt, / des Vielgeliebten Finger entlocken meine Klage."

Bei Scheich Muzaffer Ozak al-Dscherrâhi findet sich folgende bedeutsame Erzählung: ,,Eines Tages begegnete Jesus einem Jüngling, der ihn fragte: ,O Bote Gottes! Bete für mich zum Allerhöchsten, damit er mir ein Atom seiner Liebe schenke!' Jesus erwiderte: 'Ich sage dir, du könntest ein Atom von Gottes Liebe, das du dir wünschst, nicht ertragen'. Doch der Jüngling gab nicht nach: ,Dann bitte ihn, mir weniger als die Hälfte eines Atoms seiner Liebe zu gewähren'. Jesus faltete die Hände und bat den einen Gott: 'O Herr, erhöre diesen Jüngling und gewähre ihm die Hälfte eines Atoms deiner Liebe'. Dann ging er. Bald darauf kam Jesus wieder an den Ort, an dem er den jungen Mann getroffen hatte, und da er ihn nicht erblickte, fragte er, wo er sei. Man antwortete ihm: 'O Prophet Gottes, dieser junge Mann ist auf die Berge gestiegen, vielleicht irrt er aber auch in der Wüste umher. Wir wissen nichts über ihn, weder, wo er sich aufhält, noch, was er tut'. Da bat Jesus den Allerhöchsten, daß er ihn den Jüngling finden lasse. Sogleich wurde er erleuchtet, wußte, wo dieser war, und ging hin. Als er ihn auf einem Felsblock in Betrachtung versunken sitzen sah, rief er ihn an, doch jener antwortete nicht. Er rief ihn von neuem mit lauter Stimme bei seinem Namen, aber wiederum erhielt er keine Antwort. Da gab ihm Gott ein: 'Wie kann man von einem Menschen, der ein halbes Atom meiner Liebe im Herzen trägt, erwarten, daß er menschliche Stimmen vernehme? Auch wenn man versuchen wollte, ihn mit einer Säge zu zertrennen oder ihn im Feuer zu verbrennen, vermöchte man nichts und er spürte nichts."'


'ABD-AL-WADÛD. Wer diesen Namen trägt, soll sich zu einem umfassenden Mitgefühl für alle Geschöpfe gedrängt fühlen. Indem er dies annimmt und versteht, erkennt er, daß Gottes Liebe allen Geschöpfen gilt. Wenn er liebt, was Gott liebt, darf er sich einer seiner unaussprechbarsten Eigenschaften nahefühlen.

Der Allwissende (Alîmu)


Im Sinne von „der über alles Bescheid weiß." Variante: 'Allâmu.

Im Koran kommt dieser Name immer wieder vor, z.B. 11,115; 11,181; 11,216; 11,255; 111,66; 111,73; 111,119; 111,154; IX.28; XV,86; XXXIII,51; XXXVI,79;LXXVI,30.

Dieser Name bedeutet „Kenner, Wissender" und ist von dem Eigenschaftswort 'alim abgeleitetet. Auf Gott angewendet erhält es die Bedeutung „Allwissender", „der, der alles vollkommen weiß", „der, dem die Weisheit absolut zugehört". Der Koran deutet an, daß mit dem Verb 'ahata, gefolgt von dem Wortteil bi (umarmen, umhüllen, umfassen) das göttliche Wissen als allumfassend zu verstehen ist. Die Formel: „Gott ist mit Gewißheit derjenige, der (mit seinem Wissen) alles umhüllt" wird für gewöhnlich wiedergegeben mit „Gottes Wissen erstreckt sich auf alles". Auf den Menschen bezogen steckt in der Form 'allâma „überaus weise" ein Begriff, der auf Gott nicht anwendbar ist, da er auf allmählich erlangtes, aber nicht umfassendes Wissen hinweist. Gottes Weisheit aber ist absolut und wohnt ihm von jeher inne.

Ein Hadith des Propheten Mohammed sagt: „Wer einen Weg geht, um Wissen zu suchen, dem wird Gott einen Weg zum Paradies ebnen." Mohammed sagte auch: „Macht euch auf die Suche nach Wissen, und müßtet ihr darum bis nach China gehen." Das steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Versen 3-5 der XCVI.
Sure: „Trag vor! Dein höchst edelmütiger Herr ist es ja, der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wußte."

An dieser Stelle sei an das folgende lateinische Sprichwort erinnert: Nam sine doctrina vita est quasi mortis imago. (Ohne Wissen ist das Leben gleichsam ein Abbild des Todes.)

Die Abhängigkeit unseres Wissens von Gott ist augenscheinlich. Alles Existierende ist von Gott geschaffen, darum können wir nach dem Grundgesetz, wonach jedes geschaffene Ding geringer ist als sein Schöpfer — von der Weisheit (und von Gott) nur einen winzigen Teil erfahren. Obgleich die Menschheit die Erde seit Jahrtausenden bewohnt, kennt sie doch nicht viel von ihr. Damit sie das Göttliche besser verstehen, hüten sich die Sufis vor allem vor einer einengenden Beschreibung Gottes, wie sie durch den Gebrauch von menschlichen Begriffen und Bildern geschieht. In den Attributen und Namen Gottes sehen sie Hinweise für ein mögliches menschliches Verständnis, die Gott aber letztlich nicht betreffen.

Anderseits haben wir aber wesentlichen Anteil an diesem riesigen Schatz potentiellen Wissens. Gemäß dem Auftrag „geboren werden, heißt lernen" spüren wir vom Augenblick unserer Geburt an Gottes Dasein. Dieser Instinkt führt uns aus natürlichem inneren Antrieb zum Glauben. Er darf aber nicht mit Religion verwechselt werden, denn diese ist die „bürokratisierte", wenngleich notwendige Kodifizierung des Glaubens.

Ein gewisser Intellektualismus und die Anmaßung, viele Phänomene der sichtbaren Welt erkennen zu können, führen materialistisch eingestellte Wissenschaftler häufig dazu, dem eigenen Glaubenstrieb untreu zu werden und die Religion, die die Glaubensinhalte in ein System bringt, zu verspotten. Das ist der verführerische, der Materie innewohnende „Materialismus", den man symbolisch einfach Satan nennt. Dem Koran nach ist Satan aus Feuer geschaffen, im Unterschied zu den Engeln, die aus Licht geschaffen wurden. Wissensgier und brennende Leidenschaften sind der Gegensatz zum Licht des Guten und zur geistlichen Weisheit, wie Rûmi sagte. „Und Satan verführte viele", heißt es im Koran.

Die große Bedeutung der göttlichen Allwissenheit kommt im Koran durch die Zahl der darauf hinweisenden Verse zum Ausdruck: Gott ist derjenige, der alles weiß (l59 Verse), er kennt das Geheimnis und das Verborgene (32 Verse), er allein kennt die Stunde des Gerichts (7 Verse), er kennt die Gerechten und die Gläubigen (8
Verse), er kennt die den rechten Weg gehen (8 Verse), er kennt die Ungerechten und ihre Frevel (23 Verse), er kennt die Gedanken und was in den Herzen vorgeht (27 Verse), er kennt die Handlungen der Menschen (14 Verse), er kennt das Gute, das ihr tut (5 Verse), erkennt was die Menschen verbergen und was sie offenlegen (21 Verse), er weiß über alles vollkommen Bescheid (44 Verse).

Der mit dem Attribut des Wissens ('ilm) unmittelbar verbundene Name al-'Alîmu ist ein Attribut der Essenz (dhâti). Für al-Dschurdschâni hingegen handelt es sich um ein „natürliches" Attribut (haqîqî).

'ABD-AL- 'ALÎM. Wer diesen Namen erhält, soll nach der Weisheit des Geistes ('irfân) streben und zwar mit der Feinfühligkeit des Herzens und nicht mit dem Verstand.

 

 

 

Der Inhaber der Majestät und Großmut

DHÛ al-DSCHALÂLI WA al-IKRÂM

 

Alternative: Der anbetungswürdige Erhabene: Im Koran kommt Gottes Ruhm überall zum Ausdruck, z.B. in Vers LXII.l: „Gott preist, was im Himmel und auf der Erde ist, den hochheiligen König, den Mächtigen und Weisen."

Dhû bedeutet,,derjenige, der innehat, der besitzt". Dhû al-Qarnaîn bedeutet „der die Hörner hat" (wie z.B. Mose, oder im Koran Alexander der Große, weil er in Ägypten ,,Sohn des Jupiter Ammon", einer als Widder dargestellten Gottheit, genannt wurde) oder auch „derjenige, der ein Talent, eine Eigenschaft, eine Fähigkeit hat".

Al-Ydschî und al-Amidî bringen die Bedeutung dieses zusammengesetzten Namens in Verbindung mit al-Dschalîlu (der Majestätische, Nr. 42).

Es ist offensichtlich, daß es keine Vollkommenheit gibt, die ihm nicht zukommt und daß er über jedes Lob und jede Verherrlichung erhaben ist. Es ist aber ein Bedürfnis des Menschen, Gott zu preisen, ein innerer Drang, der die Meister der Sufik durchgeistigte mystische Abhandlungen schreiben ließ. Möglicherweise ist das der Grund, weshalb viele Sufis diesen Namen für den allerschönsten halten. Doch letztlich wird sein Ruhm von der ganzen Schöpfung verkündet.

Die Dichter halten das Sprechen über Gott, wenn es aus inspiriertem Herzen kommt, für einen Lobpreis Gottes. So schrieb Muhî al-Dîn Ibn al-'Arabî (1165-1240): „Er rühmt mich, und ich rühme ihn; Er dient mir und ich diene ihm; / Mit meiner Existenz bekenne ich ihn; / folgte ich meinem eigenen Entschluß, so würde ich ihn leugnen; / Er kennt mich, auch wenn ich ihn leugne, / dann erkenne ich ihn wieder und schaue ihn. / Wo also ist seine Unabhängigkeit, da ich ihn rühme, ich ihm helfe? / Auch wenn er sich mir kundtut, / bin ich es, der ihm sein Wissen bezeugt, / und das ist die Lehre du göttlichen Botschaft für euch; / und in mir vollzieht sich sein Wille. " Und Hosein Mansûr al-Hallâdsch schrieb: „Du füllst mein Herz
ganz aus: nur du hast darin Platz. / Zwischen Haut und Knochen hält mein Geist dich fest. / Müßte ich dich verlieren, sag, was sollte ich tun? Sobald ich dir meine Liebe verberge, / spricht sie mein Unbewußtes aus, mit all den verborgenen Tränen."

'ABD-DHÛ-L-DSCHALÂLIWA-L-IKRÂM. Dieser Name ist selten. Er soll seinem Träger die Erkenntnis schenken, daß (Gott allein gibt und nimmt und sein Herr ist. Nichts sollte ihn abhalten, Gott allein zu preisen, indem er sich nur vor ihm beugt und nur ihm allein nachfolgt.

 

Der Trennende

al-FATTÂHU

Andere Bedeutungen: Derjenige, der öffnet, aufschließt und löst;
Der Schiedsrichter, Der Sieger, Der Enthüllende. Kommt im Koran immer wieder vor, z.B. VII,40; XXXIV,26; XXXV,2.


Die Wurzel f-t-h (öffnen, erobern) bedeutete ursprünglich "einen Konflikt durch Schiedsspruch entscheiden", und unter dieser Bedeutung kommt der Name für gewöhnlich im Koran vor (XXXIV,26; usw.). Je nach den Inhalten, die sich aus der Wurzel und ihrer Anordnung ergeben, hat dieser Begriff drei Bedeutungsebenen: Als aktives Attribut kennzeichnet er den Siegreichen, als Redeattribut den Richter, der das Urteil spricht, und als Willensattribut den Richter, der die Entscheidung trifft. Bei al-Ghazzâli ist er der Enthüller, derjenige, der den Menschen das für sie Verborgene entschleiert.
In der Sure XXXIV,26 heißt es: „Sag: Unser Herr wird uns versammeln. Hierauf wird er zwischen uns nach der Wahrheit entscheiden (...)". Damit wird an den Namen al-Dschâmi'u (der Versammelnde, Nr. 87) angeknüpft. In Sure XXXV,2 weist der Name eher auf „den Spender" hin: „Wenn Gott den Menschen Barmherzigkeit fließen lassen will, gibt es niemand, der sie zurückhalten könnte. Und wenn er etwas zurückhält, gibt es niemand, der es daraufhin freigeben würde."
In Sure VII, 40 steht: „Denen, die unsere Zeichen für Lüge erklären und sie hochmütig ablehnen, werden die Tore des Himmels nicht geöffnet, und sie werden so lange nicht in das Paradies eingehen, bis ein Kamel in ein Nadelöhr eingeht. So vergelten wir den Sündern."
Hier ist der Name zu verstehen als „derjenige, der das Geschenk der Freigebigkeit aufschließt und der löst, was gefesselt und verhärtet ist". Man könnte auch sagen „der die Knoten und Hindernisse löst", und zwar in materieller (Armut, Arbeitslosigkeit) als auch in seelischer Hinsicht (Verzweiflung, Unsicherheit und Angst). Gott, der Löser schwerer seelischer Blockaden und Konflikte, zeigt den Weg des Friedens bei Problemen in der Familie. Er motiviert uns, die Tore der Barmherzigkeit und Güte aufzuschließen, so wie er es tut.
Die berühmte weibliche Sufi Rabi'a hörte eines Tages einen Prediger, der zu seinen Schülern sprach: „Klopft an, und es wird euch aufgemacht", worauf sie erwiderte: „Nein! Gottes Tür ist immer offen. Er ist al-Fattâhu."

'ABD-AL-FATTÂH. Der Inhaber dieses Namens sollte seinem Nächsten helfen und sich bemühen, Probleme zu lösen und verhärtete Herzen aufzuschließen. Er sollte edelmütig sein und auch andere Menschen dazu anspornen.

 

Der Friede

as-SALÂMU

 

Gott ist im Besitz des reinen Friedens - das bedeutet dieser Name als negatives Attribut gelesen. Als aktives Attribut besagt er, dass Gott vor und nach der Schöpfung derjenige ist, der Friede und Heil gibt. Deutet man diesen Namen als Redeattribut, gibt Gott Frieden, indem er sein Geschöpf segnet.
Dieser Name zeigt vielleicht mehr als alle anderen, dass die Gottesnamen Wesensmerkmale bedeuten, die der Mensch ersehnt und nach Möglichkeit erstrebt, aber in diesem Leben nicht erreicht werden können. Friede ist ein Zustand, den man erst im künftigen Leben ganz erlangt. Er ist möglich, aber nicht als eine im Herzen des Gläubigen spontan auftretende Eigenschaft, sondern auf dem Weg einer ständigen Entwicklung. Man findet ihn auf der Suche nach eigener Vollkommenheit, freilich keiner absoluten (was Anmaßung wäre), sondern indem man zu einem Zustand der Ausgeglichenheit gelangt. Dieser Zustand wiederum ist nicht auf der Suche nach Glück - eine bloß vorübergehende Empfindung - sondern in der Heiterkeit erreichbar und sogar dauerhaft. Man muss allerdings bereit sein, inmitten der Wirren dieser Welt das eigene innere Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
In diesem Zusammenhang zitiert Tosun Bayrak ein altes türkisches Sprichwort: „Lehne dich an keinen Baum, denn er könne morsch sein und umfallen. Mach dich nicht von Menschen abhängig, denn sie altern und sterben. ... Wer sich auf Gott al-Salâmu verlässt, wird nie Furcht empfinden. Gottes Kraft wird in ihm sein und ihm Glaubensstärke verleihen. So manifestiert sich der Name al-Salâmu." Mir fällt noch ein anderes türkisches Sprichwort ein: „Geduld ist der Schlüssel zur Heiterkeit." Frieden und Seelenheil erlangt man, wenn man geduldig den Erfahrungsweg des Irdischen geht.

'ABD-AL-SALÂM. Diesen Namen vergibt man mit dem Wunsch, sein Träger möge vor Leid und Not bewahrt bleiben und ein ausgeglichenes, friedfertiges Leben führen.

 

 

Der Wachsame

(Muhayminu)


Im Koran: LIX,23.

Der Ausdruck kommt aus dem Syrischen.
Fasst man diesen Namen als Wissensattribut auf, so ist Gott der all gegenwärtige Zeuge, dessen Wissen über allem wacht; als Redeattribut, ist Gott, in Anlehnung an amin, der absolut Aufrichtige, der wahrhaftig ist in seinem Wort.

Wer über allem wacht, trägt die Eigenschaft des höchsten Wächters und Beschützers aller Dinge in sich. Alles entsteht, weil er ist, die sichtbare Welt, die nur in ihm Dasein und Substanz hat, wird durch ihn, die Urkraft, bewirkt. Implizit kann seiner Wirklichkeit daher nichts entgehen, auch nicht für einen Augenblick. Alles ist also im absoluten Sinn durch Regeln geordnet. (Es gibt physische Überlebensgesetze, wie der Zyklus Krebs', die noch über der Möglichkeit einer Regelung durch die Materie, die sie selbst regelt, liegen.) Gottes immerwährende Wachsamkeit ist daher gleichzusetzen mit dem Ablauf der unzähligen, überaus komplizierten physikalischen Gesetze, dem die sichtbare Welt - vom kleinsten Atom bis zu den galaktischen Systemen - ihren Bestand verdankt. Auch über das Physische hinaus ist ihm jede noch so geringe Handlung seiner Geschöpfe gegenwärtig. Er kennt alle körperlichen, seelischen und umweltbedingten Gründe, die zu einer Handlung führen. Doch bedeutet diese „Wachsamkeit" keine „Einmischung": Gottes Geschöpf ist in seinen Entscheidungen und Handlungen frei. Erst am Ende der Tage muss der Mensch darüber Rechenschaft ablegen.
Gottes „Wachsamkeit" gilt auch für andere seiner Namensattribute, insbesondere für die Begriffe„ Belohnung", „Recht" und „Gerechtigkeit", die uns in ihrer Gesamtheit erfahren lassen, wie sehr Gott im äussersten Sinn der eine ist und wie sehr wir gezwungen sind, seine Wesenheit in Namen zu gliedern, um die Grösse seines Geheimnisses annähernd erahnen zu können.
Die Eigenschaft des Namens al-Muhayminu kann auf uns zurückwirken, wenn wir uns bemühen, über unsere Gedanken, Werke, Worte und Gefühle zu wachen.

'ABD-AL-MUHAYMIN. Dieser Name verpflichtet seinen Träger, über sich und andere gut zu wachen, sie vor Ungerechtigkeit zu schützen und ihnen beizustehen, den rechten Weg zu suchen.

 

 

 

Derjenige, der gerecht und billig ist

(al 'Adlu)

Im Koran: VI,115.

Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet al-'Adlu „der absolut unanfechtbare Richter". Nach Ibn al-'Arabi, der mit diesem Namen noch al-Muqsitu (der Gerechte, Nr. 86) verbindet, verteilt Gott al-'Adlu alles nach Verdienst, sowohl die Anlagen als auch die erworbenen Eigenschaften.
Als negatives Attribut besagt der Name, daß von Gott nichts Böses kommen kann und, daß die wahre Gerechtigkeit auf Erden das absolute Gegenteil von Tyrannei ist. Darum ist Gerechtigkeit die Garantie für Frieden, Ordnung und Harmonie. Aus diesem Grund hält der Islam die Tyrannenherrschaft in jeder, auch in religiöser Hinsicht, für gesetzwidrig.
Von der Wortgeschichte her kann der Ausdruck ein Hauptwort oder ein Eigenschaftwort sein, wobei die jeweiligen Bedeutungen nicht übereinstimmen. Als Hauptwort bedeutet er,,Gerechtigkeit", als Eigenschaftwort „geradlinig, billig, ausgewogen". Hauptwörtlich gebraucht bezeichnet er Personen als auch Sachinhalte „von hoher Sittlichkeit". Der Begriff erscheint in religiösen, theologischen, philosophischen und rechtswissenschaftlichen Texten in beiden Formen.
Gottes Gerechtigkeit bildet eines der fünf Grundprinzipien der mu'tazilitischen Lehre und Theologie. Die Eigenschaft 'adäla, die sich aus 'adlu ableitet, ist ein Zustand sittlicher und religiöser Vollkommenheit, zu dem nur außergewöhnliche Menschen gelangen. In jüngerer Zeit büßte der Ausdruck seine Ausschließlichkeit ein und bezeichnet eine ethisch hochstehende Person.
Die Frage der Gerechtigkeit als Gegensatz zur Tyrannei führte im Islam zu einer Reihe von ethisch-philosophischen Betrachtungen. Sie behandeln die Verteilung von Aufgaben und Pflichten (ein guter Arbeitgeber mit verantwortungsbewussten Arbeitern; ein guter Lehrer mit fleißigen Schülern; ein guter Organisator mit solidarischen Mitarbeitern), ihre Übereinstimmung mit Dankbarkeit, Loyalität und Vertrauen (schukr, ridä, tawakkul) und selbstverständlich die Berücksichtigung der jeweils individuellen Situation. Die Verbesserung der eigenen Lage ist nämlich etwas Wünschenswertes und Erlaubtes, sofern niemand dabei geschädigt wird. So ist die göttliche Gerechtigkeit also keine unrealisierbare, demagogische Gleichmacherei, sondern eine gerechte, harmonische Differenzierung gemäß der 'adäla.
Die Gerechtigkeit gehört zweifellos zu den höchsten und stärksten Bestrebungen des Menschen. Schon in der Kindheit (ungefähr mit acht Jahren) entwickelt er eine Phase intensiver Gerechtigkeitsliebe, die mit dem Wunsch verbunden ist, gerecht behandelt zu werden. Dieser Durst nah Gerechtigkeit verblasst durch die vielen Kompromissen mit den weltlichen Gegebenheiten und durch die teuflischen Verführungen des Materiellen. Doch selbst in ihren besten Momenten bleibt diese Gerechtigkeitsliebe nur ein ganz schwacher Abglanz der göttlichen Gerechtigkeit.
'ABD-AL-'ADL. Mit diesem Namen will ein Vater seinen Sohn dazu anhalten, die Gerechtigkeit im Auftrag Gottes zu verteidigen, indem er selbst immer gerecht handelt und auch das Negative, das in sein Leben treten kann, annimmt.

(aus: Mandel, Gott hat 99 Namen, Pattloch Verlag)