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Maria Nepheli

 

 

DIE GEGENWART

 

M.N. Ich schreite durch Dornen und Finsternis
durch das, was noch kommt und was schon vorbei
wehren und schützen kann ich mich nur
mit meinen zyklamenfarbenen Fingernägeln

 

G. Überall hab ich sie gesehen. Ein Glas in der Hand, den Blick starr in die Leere. Am Boden liegend einer Schallplatte hingegeben. Auf der Strasse in flatternden Hosen und schäbigem Mantel. Vor den Auslagen mit Kinderartikeln. Dort dann noch eine Spur trauriger. Nägelkauend in den Diskotheken. Eine Zigarette nach der anderen. Blaß ist sie und schön. Spricht man sie an, hört sie kein Wort. Als passierte irgendwo anders etwas, das nur sie angeht und nur sie erschreckt. Preßt zwar deine Hand, Tränen fließen, doch sie ist nicht hier. Berührt hab ich sie nicht und ihr nichts genommen.

 

M.N. Gar nichts hat er verstanden. Ständig sein »erinnerst du dich?« Woran sollte ich mich erinnern. Nur an meine nächtlichen Träume erinnere ich mich, weil ich die sehen kann.
Tagsüber fühle ich mich miserabel, wie sagt man doch: unvorbereitet, überrumpelt. Plötzlich fand ich mich mitten im Leben und war überhaupt nicht darauf gefaßt. Sagte mir, »wirst dich schon dran gewöhnen«. Um mich herum alles in ständiger Bewegung. Dinge und Menschen jagten vorbei. Ich versuchte es ihnen gleichzutun. Hab's aber wohl übertrieben. Denn etwas sehr Seltsames trat ein. Ich konnte den Toten schon sehen, bevor noch der Mord geschah. Strömendes Blut und danach erst Schlag und Schrei. Und wenn ich jetzt den Regen höre, weiß ich nicht, was mich erwartet....

 

G. »Warum begräbt man die Menschen nicht aufrecht wie die Bischöfe?« meinte sie. Einmal, erinnere ich mich, Sommer lag über der Insel, kehrten wir alle am frühen Morgen von einer nächtlichen Runde heim und sprangen über die Gitter der Anlage beim Museum. Auf den Steinplatten fing sie an zu tanzen, ohne etwas zu sehen oder zu hören.

 

M.N. Ich betrachtete seine Augen und sah in alte Olivenwälder.

 

G. Ich betrachtete eine Grabstele. Relief eines jungen Mädchens. Sie schien mir traurig. Ihre Hand umschloß einen kleine Vogel.

 

M.N. Mich sah er, ich weiß, daß er mich sah. Wir betrachteten ja beide den gleichen Stein. Und durch den Marmor hindurch betrachteten wir uns.

 

G. Sie schien ruhig, und ihre Hand umschloß einen kleinen Vogel.

 

M.N. Sie war sitzend dargestellt , und sie war tot.

 

G. Sie war sitzend dargestellt, und ihre Hand umschloß einen kleinen Vogel. So wirst du nie einen Vogel halten. Dazu bist du nicht fähig.

 

M.N. Oh, wenn sie mich ließen, mich ließen!

 

G. Wer wohl sollte dich lassen?

 

M.N. Der, der nichts dauern läßt.

 

G. Der, der nichts dauern läßt, trennt sich von seinem Schatten und weilt woanders.

 

M.N. Seine Worte waren weiß und unaussprechbar doch seine Augen tief und immerwach....

 

G. Den ganzen oberen Teil des Reliefs hat er zerstört. Und damit auch den Namen des Mädchens getilgt.

 

M.N. APIMNA... ich sehe die Buchstaben noch ins Licht geritzt.... APIMNA EFHEL...

 

G. Nichts davon war da. Der ganze obere Teil fehlte ja. Kein einziger Buchstabe war erhalten.

 

M.N. APIMNA EFH  EL...Dort am EL der Stein gebrochen. Ich erinnere mich ganz genau.

 

G. Um sich daran erinnern zu können, muß sie auch das im Traum gesehen habe.

 

M.N. Ja, im Traum. In einem großen Schlaf, wie er einst kommen  wird, voll Licht und voll Wärme. Flache steinerne Treppchen. Kinder, Arm in Arm wie in alten italienischen Filmen. Von überall her ertönt Gesang, und gewaltige Frauen begießen auf kleinen Balkons ihre Blumen.

 

G. Ein großer blauer Ballon hebt uns in den Himmel, vom Wind werden wir umher getrieben. Zuerst wird man die silbernen Kuppeln unterscheiden können, danach auch die Glockentürme. Die Straßen werden enger und gerader erscheinen als wir meinten. Terrassen mit weißen Fernsehantennen. Ringsum Hügel, Papierdrache, die wir fast streifen. Bis wir dann plötzlich das Meer voll überblicken. Die kleinen weißen Dämpfe an seiner Oberfläche entströmen den Seelen.

 

M.N. Ich habe die Hand gegen die schwarzen Berge erhoben und gegen die Dämonen dieser Welt. Habe die Liebe in Frage gestellt und sie am Boden gewälzt. Kriege und Kriege zogen über uns hinweg, und nicht ein Lumpen blieb übrig, den wir unter unseren Sachen bergen könnten, um ihn zu vergessen. Wer hört zu? Wer hat zugehört? Richter, Priester, Gendarmen, wo ist euer Land? Einen Körper besitze ich, und den gebe ich hin. Den sollen die Kundigen wie einen Acker bestellen und Heiliges aus ihm ziehen,   etwa so, wie die Gärtner in Holland ihre Tulpen züchten. Und ertrinken sollen darin die, die nichts vom Meer und beim Schwimmen gelernt haben...
Meeresströme und ihr, Einflüsse ferner Gestirne - steht mir bei!

 

G. Ich habe die Hand erhoben gegen die gefeiten
gegen die unausrottbaren Dämonen der Welt
meine kranke Hälfte der Sonne zugewandt
und mich selber ins Licht verbannt!

 

M.N. Von vielen Stürmen hin- und her gesandt
habe ich mich selber unter die Menschen verbannt!