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DER KLEINE SEEMANN

Eingang

 

MANCHMAL

                                        ist kein Glanz mehr hinter den Bergen - dort zum Meer hin. Manchmal wieder ein starker Wind, der plötzlich stehen bleibt, draussen vor den Häfen. Und die, die verstehen, ihr Auge füllt sich mit Tränen

 

Du goldener Wind des Lebens warum kommst du nicht bis zu uns?

 

Niemand hört, niemand. Sie alle gehen, eine Ikone vor sich haltend und über ihr das Feuer. Und nicht ein Tag, nicht ein Moment an diesem Ort, daß nicht ein Unrecht geschieht, irgendein Mord.

 

Warum kommst du nicht bis zu uns?

 

Ich sagte, ich werde gehen. Jetzt. Mit dem, was da ist: Den Rucksack über der Schulter; in meiner Tasche einen Führer; meinen Fotoapparat in der Hand. Tief in die Erde und tief in meinen Körper werde ich gehen, zu finden wer ich bin. Was ich auch gebe, was sie mir auch geben, übrig bleibt das Unrecht

 

Du goldener Wind des Lebens.....

 

 

 

SALBE DAS MAKELLOSE

[I-VII]

 

I

 

EINES TAGES fand ich das Leben, das ich verloren hatte, ich fand es wieder, in den Augen eines jungen Kalbes, das mich mit Hingabe ansah. Ich verstand, daß ich nicht zufällig geboren worden war. Ich begann meine Tage zu durchwühlen, sie nach oben zu bringen, nach unten, zu suchen. Mich verlangte, die Substanz der Gefühle zu begreifen. Ich wollte aus den Andeutungen, die ich verstreut fand inmitten dieser Welt, eine Unschuld wieder herstellen, so mächtig, daß sie das Blut wieder abwäscht

Schwierig -, aber wie könnte das gehen? Bisweilen fühle ich, begreife ich mich als so vieles, daß ich mich verliere. Ich möchte mich verwirklichen, sogar in der Weite eines Alters, das mein eigenes übertrifft.

Wenn die Lüge auf keine Art niedergerungen werden kann, nicht einmal von der Zeit, dann habe ich das Spiel verloren.

 

 

II

 

ICH BEWOHNTE EIN LAND, das hervorging aus dem Anderen, dem wirklichen, so wie der Traum hervorgeht aus den Ereignissen meines Lebens. Ich nannte es auch Griechenland und zeichnete es auf Papier um es zu sehen. So wenig es ihm ähnelte, so wenig war es greifbar. Im Laufe der Zeit prüfte ich es immer wieder: mit einigen plötzlichen Erdbeben, einigen alten, hochklassigen Gewittern. Ich wechselte die Stellung zu den Dingen, sie zu entbinden von jeglichem Wert. Ich studierte das Schlaflose und das Einsame, damit es mir gelänge, Hügel zu bauen, kastanienbraune, kleine Klöster und Brunnen. Bis ich auch einen vollständigen Garten hervorbrachte, voller Zitronenbäume, die dufteten Heraklit und Archilochos. Aber der Duft war so, daß ich mich fürchtete. Und ich begann ganz langsam Worte zu knüpfen, wie Diamanten, das Land damit zu bedecken, das ich liebte. Damit niemand die Hühneraugen sehen könnte. Oder daß niemand argwöhnte, daß es vielleicht nicht existierte.

 

 

III

 

ALSO SPAZIERTE ICH in meinem Land umher und fand seine Kleinheit so natürlich, daß ich sagte, unmöglich, er muß Absicht sein, dieser hölzerne Tisch vorm Fenster, mit den Tomaten und Oliven. Damit eine solches Empfinden, hervorgerufen durch dies hölzerne Viereck, mit dem bißchen lebendigen Rot und dem vielen Schwarz, direkt eingehen könne in ein Heiligenbild. Und dieses soll, es wieder gebend, sich ausdehnen über das Meer, mit einem glückseligen Licht, bis sich der Kleinheit wahre Größe enthüllt.

Ich fürchte, ich spreche mit Argumenten, die von Rechts wegen nur dem Frühling zustehen; aber die Reinheit, die ich verkünde, so empfinde ich sie und nur so, stelle ich mir vor, kann sie das Geheimnis der Tugend bewahren: alles in Nutzloses verwandelnd, was die Menschen sich zu ihrer Erhaltung und Erneuerung ersinnen könnten.

 

 

IV

 

DEN FRÜHLING fand ich nicht so sehr auf den Feldern, oder, vielleicht in einem Botticelli, als vielmehr in einer kleinen roten Palmzweigträgerin. So begriff ich eines Tages, einen Zeuskopf betrachtend, das Meer.

Wenn wir die geheimen Beziehungen zwischen den Begriffen entdecken und ihnen nachgehen in die Tiefe, werden wir auf einer anderen Art Lichtung herauskommen, das ist die Dichtung. Und die Dichtung ist immer Eines, so wie der Himmel immer Eines ist. Es kommt darauf an, von wo aus jemand den Himmel betrachtet.

Ich habe ihn gesehen genau aus der Mitte des Meeres.

 

 

V

 

ICH WILL AUFRICHTIG SEIN, wie der weiße Kragen den ich trage, und gerade, wie die Linien der Landhäuser und der Taubenschläge, die kein bißchen gerade sind, und vielleicht aus diesem Grund so sicher stehen mitten im Handteller Gottes.

Ich strebe mit all meinen Poren, nach einem, - wie soll ich das sagen -, schweifenden, strahlenden Schönen. Aus dem Wie beiße ich in die Frucht, bis ich das Wie durchs Fenster sehe, ich fühle, ,daß sich ein vollständiges Alphabet bildet, das ich mich bemühe zur Wirkung zu bringen, mit der Absicht, Wörter und Sätze zusammen zufügen, und dem späteren Wunsch, Jamben und Vierzeiler. Das bedeutet: daß ich erfasse und berichte von einer anderen, zweiten Welt, die in mir immer die erste ist. Ich kann sogar Zeugen bringen, einen Haufen unbedeutender Dinge: Kiesel, von Stürmen liniert, Bäche, mit etwas Tröstlichem in ihrem Hinunterpurzeln, duftende Gräser, Jagdhunde unserer Heiligkeit. Eine ganze Literatur. Die alten Griechen und Latiner, die nachfolgenden Chronographen und Hymnendichter; eine Kunst, Polygnotos, Panselinos: Sie alle finden sich, übertragen und aufgezeichnet, dort inmitten des Glatten, des Grüns, des Strengen und des Verzückten, denn ihre einzige und authentische Weitergabe existiert in der Seele des Menschen.

Diese Seele nenne ich Unschuld. Und dieses Wunschbild, mein Recht.

 

 

VI

 

O JA, EIN GEDANKE muß, um wirklich gesund zu sein - ohne Bezug zum Angeführten - er muß unter freiem Himmel standhalten. Und nicht nur. Im selben Moment muß in unserem Empfinden Sommer sein.

Ein wenig, zwei, drei Grad niedriger, es ist vollbracht. Der Jasmin schweigt, der Himmel gerät in Aufruhr.

 

 

VII

 

BITTERE LIPPE, daß ich dich habe meine zweite Seele, lächle!