Abends

Auf einmal musste ich singen -
Und ich wusste nicht warum?
Doch abends weinte ich bitterlich,

Es stieg aus allen Dingen
ein Schmerz, und der ging um
- Und legte sich auf mich

(aus Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943, dtv-Verlag)

 

 

DHUN-NUN

Ein junger Mann kam zu Dhun-Nun, dem Ägypter.
Er behauptete, dass die Sufis im Irrtum seien und noch viel andere Dinge mehr.
Der Ägypter gab ihm zur Antwort einen Ring, den er sich mit den Worten vom Finger streifte: "Nimm diesen Ring und gehe zu den Marktständen da drüben. Sieh zu, ob du ein Goldstück dafür bekommen kannst."
Er konnte auf dem ganzen Markt keinen Händler finden, der mehr als ein kleines Stück Silber dafür geboten hätte.
Der junge Mann kam mit dem Ring zurück.
"Und jetzt", sagte Dhun-Nun, "geh zum wirklichen Goldschmied und frage, was er zu zahlen bereit ist."
Der Goldschmied bot eintausend Goldstücke für das Juwel.
Der junge Mann war hocherstaunt.
"Und nun, mein Sohn", sagte Dhun-Nun, "zu deiner Einschätzung der Sufis: Du verstehst gerade so viel davon, wie die Krämer da drüben von der Goldschmiedekunst. Wenn du Edelsteine schätzen willst, musst du erst Goldschmied werden."

(aus: Osho, Nicht bevor du stirbst. Osho-Verlag)

 

 

Laotse LXXXI

Wahre Worte sind nicht gefällig /

Gefällige Worte sind nicht wahr.

Die Wortereichen reichen das Leblose.

Der Lebende bereichert durch das Wortlose.

Wissen verdrängt Weisheit.

Das Wissende haben heischt Nicht - Wissen haben.

Der Erwachte sammelt nicht und hat doch.

Je mehr er vergibt / um so mehr erwirbt er.

Je mehr er erwirbt / um so mehr vergibt er.

Des Wesens Weise ist: Erschließen ins Beschließende.

Des Erwachten Weise ist: Beschließen ins Erschließende.


(aus: Laotse, Tao Te King, O.W. Barth-Verlag)

 

Oh mein Herr, was immer Du als Teil an dieser Welt mir bestimmt hast,

gib es deinen Feinden;

Und was Du mir von der nächsten Welt zukommen lassen willst,

gib es Deinen Freunden.

Du bist mir genug.


(Râbi'a)

(aus: Vaughan-Lee, Die Karawane derDerwische, Fischer-Verlag)

 

 

Es hat mein Geist gemischt sich mit dem Deinen,

Wie Wein vermischt mit klarem Wasser sich.

Wenn etwas Dich berührt, rührt es auch mich an,

Denn immer bist und überall Du ich.

 

(Halladsch)
(aus: Schimmel, Nimm eine Rose und nenne sie Lieder, Diederichs- Verlag)

 

Der Herrscher und sein Sklave

 

Es war einmal ein Herrscher, der hatte einen Sklaven, welchen er außerordentlich liebte und der, so glaubte er, ihn mit seinem ganzen Sein liebte. Aber der Herrscher wollte sicher gehen. Und so häufte er in zehn Räume alle möglichen Schätze auf, die man sich nur vorstellen kann: Rubine und Smaragde, Ketten aus großen schwarzen Perlen, Truhen mit den kostbarsten Tüchern und seltensten, auf wunderbarste Weise verzierten Manuskripten sowie große Lederbeutel mit Schenkungsurkunden für Haus- und Grundbesitz. Als die Räume mit den Schätzen gefüllt waren und die Wände der Räume in dem Licht einer solchen Pracht zu glühen und funkeln schienen, ließ der Herrscher all seine Höflinge und all seine Diener und Sklaven zu sich rufen und sagte: "Heute entlasse ich euch alle aus meinen Diensten. Ihr dürft euch in aller Freiheit alles, was euch beliebt aus jedem der Räume vor euch mitnehmen." Man kann sich sicherlich vorstellen, was für ein Tohuwabohu nun losbrach! Sogar der Oberwesir, normalerweise ein eher genügsamer Mann, begann eine Jig zu tanzen und packte so viele Juwelen in seine Taschen und klemmte sich so viele Hausurkunden unter die Arme, wie er nur finden konnte.
Aber der Sklave, den der Herrscher so liebte, rührte sich nicht. Er blieb dort stehen, wo er war, und sah den Herrscher still an, bis all Schätze fort waren und nur noch er und der Herrscher in der Wüste leerer Räume übrig waren. Der Herrscher fragte ruhig: "Und du, der du hier bliebst und dich um nichts für dich selbst gekümmert hast, was willst du? Du kannst alles haben, was ich in all meinen Welten besitze." Noch immer sagte der Sklave nichts. Und dann schrie der Herrscher beinahe: "Was willst du ? Ich befehle dir, es mir zu sagen!" Der Sklave sagte: "Ich will dich." Er wiederholte ganz langsam: "Ich will dich, ich will dich." Das war es, was er, der wahre Sufi, wollte — nicht den Palast oder irgendwelche Juwelen oder andere Geschenke vom Herrscher, sondern den Herrscher selbst.

(aus: Harvey/Hanut, Der Duft der Wüste, Arbor Verlag)

 

 

Liad en Summa

 

Schau ma uns gengseitich en d' Aung eine:
Feleichd gibts drinad was z'seng!
Feleichd siech i deine Dram drin
Und du siechst de mein drin
Wia Bluman duachs Fentzta r en Reng.

Huach ma uns gengseitich en d' Uan eine:
Feleichd gibts drinad was z'hean!
Feleichd hear i deine Dram drin
Und Du heast de mein drin
Wias Gnistan von Gas in de Ladean...

Beiß ma se gengseitich in Mund eine:
Feleichd gibts drinad was z'gschbian!
Feleichd gschbia r i deine Dram drin

(entnommen: H.C. Artmann, Reime, Verse, Formeln, Reiner Verlag, Berlin)

 

BETRACHTUNG DER ZYKLEN UNSERES SPIRITUELLEN LEBENS

(eine Meditationsanleitung)

 

Nehmen Sie eine bequeme und natürliche Sitzhaltung ein, und lassen Sie Ihren Geist in der Gegenwart ruhen. Lassen Sie alle Überlegungen ziehen, und nehmen Sie den natürlichen Rhythmus Ihres Atems wahr, bis Sie ruhig geworden sind. Führen Sie sich dann Ihr ganzes spirituelles Leben vor Augen. Erinnern Sie sich daran, wie Sie zum ersten Mal zum Leben des Herzens und Geistes erwacht sind. Erinnern Sie sich an das ahnungsvolle Gefühl, das Sie damals von den Möglichkeiten, dem Mysterium, dem Göttlichen hatten. Erinnern Sie sich an die Zyklen, durch die Sie hindurchgegangen sind, an die Situationen, durch die Sie am meisten gelernt haben, an die unerwarteten Lektionen, an die Zeiten der Einsamkeit und die Zeiten der Gemeinschaft, an Ihre Prüfungen, Ihre Helfer, Ihre Führer. Denken Sie dabei auch an die Probleme, denen Sie begegneten, und an all die Schwierigkeiten und Lehren, die sie mit sich brachten.
Lassen Sie sich mit Freude auf diese Betrachtung ein — etwa wie auf eine spannende Geschichte oder ein Abenteuer; würdigen Sie die Zyklen und Veränderungen voller Dankbarkeit und offen für den Aspekt des Wunderbaren. Verweilen Sie dann in diesem Augenblick mit einer Haltung der Offenheit für das Leben, das noch vor Ihnen liegt. Spüren Sie ahnend voraus, was kommen mag: die nächsten natürlichen Stufen Ihres Lebens, die zu bewältigenden Aufgaben, die Dimensionen der spirituellen Praxis, die vielleicht noch integriert werden müssen. Betrachten Sie sich als Ihren eigenen spirituellen Führer, und machen Sie sich bewusst, welche Situation hilfreich für Sie sein könnte. Erlaubt Ihr gegenwärtiges Leben, dass Sie sich die Zeit für Rückzug und Einsamkeit nehmen? Oder ist es vielleicht der rechte Augenblick, um sich einer spirituellen Gemeinschaft anzuschließen? Verlangt Ihre spirituelle Praxis eine Periode des Dienstes an anderen, oder sollten Sie sich jetzt besonders Ihrem Beruf, Ihrer Kreativität, Ihrem Heim und Ihrer Familie widmen? Brauchen Sie einen Lehrer, oder ist es jetzt gerade am besten für Sie, aus sich selbst zu schöpfen? Falls Ihr gegenwärtiges Leben Ihnen keine Wahl dieser Art lässt, sollten Sie nach dem Zyklus fragen, durch den Sie gerade hindurchgehen. Wie können Sie Ihren Wünschen und Ihrer Lebenssituation am besten gerecht werden und sie in den Prozess der Öffnung Ihres Herzens und in die Zyklen Ihrer spirituellen Praxiseinbeziehen? Finden Sie heraus, wie Sie aufrichtig und wahrhaftig sein können — gegenüber sich selbst und gegenüber dem Dharma oder Tao, das sich in Ihrem Leben entfaltet.

(aus: Kornfield, Geh den Weg des Herzens, Kösel-Verlag)

 

 

Die einzige Heilung

 

Die Quelle meines Leidens und meiner Einsamkeit liegt tief in meinem Herzen.

Diese Krankheit vermag kein Arzt zu heilen.

Nur die Einheit mit dem Freund kann sie heilen.

Rabi'a

(aus: Harvey & Hanut, Der Duft der Wüste, Arbor-Verlag)

 

 

Die Lieb zu dir

 

DIE LIEB' zu Dir nahm mich von mir -
Ich brauche Dich, nur Dich allein!
Ich brenne Tag wie Nächte hier
Ich brauche Dich, nur Dich allein!

Das Dasein kann mich nicht erfreu'n,
Das Nichtsein kann ich nicht bereu'n,
Nur Deine Lieb' kann Trost mir sein.
Ich brauche Dich, nur Dich allein!

Dein Lieben tötet jedermann,
Taucht ihn in Deinen Ozean,
Es füllt ihn mit Erleuchtung an -
Ich brauche Dich, nur Dich allein!

Vom Liebeswein will trinken ich,
Verwirrt in Berge stürzen mich,
Und Tag und Nacht denk' ich an Dich -
Ich brauche Dich, nur Dich allein!

Und wollt' man mich dem Tode weih'n,
Die Asche in den Himmel streu'n,
So würde dort mein Staub noch schrei'n:
Ich brauche Dich, nur Dich allein ...

Ich werde Yunus wohl genannt,
Und täglich wächst mein Liebesbrand
Ein einz'ges Ziel ist mir bekannt:
Ich brauche Dich, nur Dich allein!

(Yunus Emre)


Zwillinge - ein Gespräch in der Gebärmutter

"Glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?"

"Ja, das gibt es. Unser Leben hier ist nur dazu gedacht, dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten, damit wir stark genug sind für das, was uns erwartet."

"Blödsinn, das gibt es doch nicht. Wie soll denn das überhaupt aussehen, ein Leben nach der Geburt?"

"Das weiß ich auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herum laufen und mit dem Mund essen?

"So ein Unsinn! Herumlaufen, das geht doch gar nicht. Und mit dem Mund essen, so eine komische Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Außerdem geht das Herumlaufen gar nicht, die Nabelschnur ist jetzt schon viel zu kurz."

"Doch, es geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bißchen anders."

"Es ist noch nie einer zurückgekommen von "nach der Geburt". Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Und das Leben ist eine Quälerei und dunkel..."

"Auch wenn ich nicht so genau weiß, wie das Leben nach der Geburt aussieht, jedenfalls werden wir dann unsere Mutter sehen und sie wird für uns sorgen."

"Mutter? Du glaubst an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?"

"Na hier, überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie können wir gar nicht sein."

"Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht."

"Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt.."

 

DIESES LEBEN...

 

Dieses Leben hat gar keinen Sinn,

nein, dies Leben hat gar keinen Sinn.

Ich habe es satt –

dieses bohrende Fragen,

dieses sengende, drängende Fragen,

dieses antwortlose Fragen –

kein Sinn.

Und doch,

wenn es keinen Sinn gibt,

weshalb ist das Blatt

so wunderschön

vor seinem Tod?

 

 

 (aus: Schubert/Schimmel, Ein Buch namens Freude, C.H.Beck-Verlag)